Arbeiter*innenalltag und Gewalt im späten Kaiserreich und der Weimarer Republik

Überlegungen über den Zusammenhang von struktureller und individueller Gewalt

Von Laura Höß, TU Darmstadt

„Ich erinnere mich […] an die Angst, die ich, in einer Ecke oder unter dem
Bett verkrochen, ausstand, wenn es eine häusliche Szene gab […]. Mein
Vater war jähzornig, er schlug […] die Mutter, die oft nur halb angekleidet,
fliehen mußte, um sich bei Nachbarn zu verbergen. Dann waren wir einige
Tage alleine mit dem grollenden Vater, dem man sich nicht nähern durfte,
[…] mitleidige Nachbarn halfen uns, bis die Mutter von der Sorge um ihre
Kinder und den Hausstand getrieben wieder kam.“

Mit diesen Worten erinnert sich die Wiener Sozialdemokratin Adelheid Popp (1869–1939) in ihrer Autobiografie an ihre Kindheit. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen sind keine Einzelfälle. In autobiografischen Berichten von Arbeiter*innen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert finden sich zahlreiche Beschreibungen von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt wie diese. Interpersonale Gewalt zeigt sich in diesen Selbstzeugnissen als ein „normales“, als ein alltägliches Phänomen. Doch trotz dieser Sichtbarkeit von Gewalt in den Quellen, nicht nur in Ego-Dokumenten, sondern auch in Polizei- und Gerichtsakten oder Zeitungsquellen hat sich die Geschichtswissenschaft lange nicht für das Thema der geschlechtsspezifischen Gewalt interessiert. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass Gewalt in Bezug auf Frauen doch eine bedeutsame Kategorie struktureller sozialer Ungleichheit darstellt, die sich insbesondere im sozialen Nahraum manifestiert und oftmals intersektional verwoben ist. Als stabilisierendes Element von Macht und Hierarchie hat sie mehr Aufmerksamkeit verdient, wie Sophia Dafinger argumentiert.

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