Als sich am 20. März 1991 eine Demonstration mit „Tausenden Mitgliedern der Gewerkschaft für Textil/Bekleidung“ vor dem Marx-Monument in Chemnitz
formierte, bekam das kaum jemand mit. Die „taz“ berichtete in einer kurzen Randnotiz von dem Ereignis. Doch die lokale Tageszeitung „Freie Presse“ verfasste nicht einmal eine Kurzmeldung zu der Demonstration – obwohl sich die Redaktionsräume der Zeitung direkt gegenüber dem Monument befanden und sich die Demonstration unmittelbar vor den Fenstern der Redakteur:innen hatte bewegen müssen. Die Demonstration stellte das größte Aufbegehren der ostdeutschen Textilbeschäftigten in der Transformationsphase nach 1989/90 dar. Sie erstreckte sich über verschiedene Standorte – neben der Aktion in Chemnitz fanden am selben Tag auch Demonstrationen in Löbau und Cottbus statt – und mobilisierte insgesamt mehrere Zehntausend Textilarbeiter:innen.
Der Ort war nicht nur Treffpunkt, sondern auch Symbol für die Demonstrant:innen. Das steinerne Konterfei von Karl Marx erzählte die Geschichte einer vergangenen Zeit. Eineinhalb Jahre war der Mauerfall erst her, ein halbes Jahr die Vereinigung mit der Bundesrepublik, doch hatte sich für die Arbeiter:innen der Textilindustrie in dieser Zeit so viel verändert wie in vierzig Jahren zuvor nicht.
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