Ein doppelt männlich geprägter Blick. Zur Geschlechtergeschichte der Gewerkschaften seit 1945 [Editorial]

„Brauchen die Frauen eine neue Gewerkschaft?“, fragte Ingrid Kurz-Scherf im Jahr 1994. Die Politologin galt als eine der schärfsten Kritikerinnen des männlich-gewerkschaftlichen Wertehimmels“ – und ihre Intervention kam nicht von ungefähr. Denn Frauen waren lange Zeit in den  Arbeitnehmerorganisationen der alten Bundesrepublik unterrepräsentiert, vor allem in den Führungsgremien. Der verengte Arbeitsbegriff, auf den sich diese damals bezogen, umfasste nur die entlohnte Erwerbsarbeit, nicht aber unbezahlte Sorge- und Hausarbeit. Auch deshalb erhielten Frauen- und Geschlechterfragen in den Gewerkschaften wenig Aufmerksamkeit, ebenso in ihrer Geschichtsschreibung. Hier zeigte sich also ein doppelt männlich geprägter Blick: Er betraf sowohl die organisatorische Ausrichtung der Gewerkschaften als auch die Darstellung ihrer historischen Entwicklungen.

Neuere Forschungen hinterfragen diese Perspektiven und erweitern sie. Zum einen haben Historiker:innen den androzentrischen Fokus der Gewerkschaftspolitiken offengelegt und kritisch beleuchtet. Zum anderen richten sich ihre Untersuchungen verstärkt auf „Frauenthemen“, indem sie das Engagement und die Einflussbereiche von Gewerkschafterinnen sowie deren spezifischen Geschlechterpolitiken analysieren. Mit dieser Ausgabe von „Arbeit – Bewegung – Geschichte” möchten wir einige aktuelle Forschungsergebnisse zur Geschlechtergeschichte der Gewerkschaften nach 1945 aufgreifen und zusammenführen.

Das ganze Editorial des Heftes 1/(2026) von Marcel Bois/Anna Horstmann/Bernd Hüttner als PDF abg_2026_1_editorial

Bild via Marianne Kaiser: Grete Prill (1937-2010); 2022: https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_biografie/grete-prill/

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